Gitarrenkonzert – Veröffentlichung der CD:

Batuque: A Panorama of the Modern Guitar Music from Brazil.

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Gitarrist zu sein, heißt in Brasilien fast automatisch auch, Komponist zu sein. Es scheint so, dass der rastlose Künstler in dem Universum von gebrochenen Rhythmen und wirbelnden Melodien seine eigene Sprache und ganz individuelle Stimme finden muss. Vielleicht verspürt der Gitarrist darüber hinaus auch den Drang, nicht nur Werke zu interpretieren, sondern die Wirklichkeit darzustellen – seine eigene Wirklichkeit. Eine Vielzahl solcher interpretierender Stimmen vermögen es, die Vergangenheit wachzurufen, ein wesentliches Merkmal der Gegenwart hervorzuheben oder es zu verstecken, indem sie es fast verschwinden lassen. Aus ihnen bildet sich das kompositorische Panorama der Gitarrenmusik Brasiliens.

In seinem Programm präsentiert André Simão den ganzen Reichtum dieser Stimmen, in denen sich Einflüsse unterschiedlicher Zeitabschnitte und Regionen Brasiliens vermischen. Brasilien kann zur Welt werden. Rock, Jazz, spanische Musik, alles kann von der brasilianischen Gitarrenmusik aufgenommen werden, die einerseits die Einflüsse einbaut und sie andererseits weiter entwickelt. Wir sind ein vermischtes Volk und unsere Kunst ist gemischt. André hat auf seltene und besondere Weise eingefangen, was uns ausmacht. Im Wechselspiel zwischen dem Komplexen und dem Einfachen, da, wo sich beide manchmal berühren, dort webt André einen Stoff, der 40 Jahre umfasst von der Komposition Jongo von Paulo Bellinati – dem ältesten Stück, das zwischen 1978 und 1982 komponiert wurde – und den jüngsten Werken Batuque von João Luiz und Dois Lugares von Alberto Mejia, die beide 2015 komponiert wurden und André Simão gewidmet sind. Zusammen mit Rapsódia dos Malacos von Marco Pereira sind diese beiden letztgenannten Werke Ersteinspielungen.

Seit vielen Jahren ist brasilianische Gitarrenmusik ein internationales musikalisches Markenzeichen. Das ist hauptsächlich auf die Verbreitung musikalischer Stile wie Choro und Bossa Nova zurückzuführen, aber auch auf die Bedeutung der bekanntesten Interpreten dieser Stile. Zu ihnen gehören Garoto, Baden Powell und in jüngster Zeit Yamandu Costa. Dass Komponisten symphonischer Werke wie Heitor Villa-Lobos, Marlos Nobre und Radamés Gnattali spieltechnisch innovative Werken schufen, hat ebenso dazu beigetragen, das Markenzeichen weltweit bekannt zu machen: Brasilianische Gitarre

Doch die Zusammenstellung der auf der CD enthaltenen Stücke will darüber hinausgehen. Sie präsentiert ein Panorama der brasilianischen Gitarrenmusik und konzentriert sich dabei auf solche Werke, die von folkloristischen und urbanen brasilianischen Rhythmen inspiriert sind, aber auch auf Stücke, die nationale musikalische Elemente mit Jazz, mit Formen und Elementen der klassischen Musik und anderen Einflüssen verschmelzen. In diesen Zeiten der Globalisierung und der Post-Globalisierung hat sich die Gitarre in Brasilien natürlich auch gegenüber anderen Sounds und anderen Gefühlen geöffnet, ohne Angst davor zu haben, sie könnte ihre kreative Kraft und Originalität verlieren, die nie zu versiegen scheinen.

Obwohl die Auswahl Stücke mit rhythmischem Charakter enthält wie die Werke von Paulo Bellinati and Marco Pereira, gibt es auch Werke, die von der Vielfalt und der Vermischung verschiedener musikalischer Einflüsse bestimmt sind, wobei einige von ihnen vom Stereotyp brasilianischer Musik abweichen, wie es bei der Appasionata von Ronaldo Miranda der Fall ist und häufig beim Zyklus Seis Brevidades, den Sergio Assad komponierte.

So wird hier eine Auswahl von Werken vorgestellt, in denen – je nach persönlichem Stil des jeweiligen Komponisten – die brasilianische Inspiration diskret oder in eher abstrakter Weise gegenwärtig ist. Dabei offenbart sich dem Zuhörer, dass die zeitgenössischen Kompositionen für brasilianische Gitarre nicht zwangsläufig den Stereotypen brasilianischer Musik folgen. Vielmehr sind die brasilianischen Anklänge nur einige von vielen Inspirationsquellen für die Komposition von raffinierten und sehr gut für das dieses Instrument passenden Werken.

Alberto Mejia / Deutsche  Version:  Gerd  Kratzat

CD Preview:

Paulo Bellinatti (1950-): Emboscada

Marco Pereira (1950-): O choro de Juliana

Ronaldo Miranda (1948-): Appassionata

João Luiz (*1979) Batuque

Sérgio Assad (1952-): Seis Brevidades: Saltitante

André Simão, ©2019